Aktuelles Forschungsprojekt

Erzieherfortbildung
zur sprachlich-interaktiven Anregung
Projektanliegen und Ziele
Ziel dieses Projektes ist es, das sprachlich-kommunikative Anregungsniveau in Kindertagestätten zu erhöhen, wobei gezielt Einrichtungen in Berliner Bezirken ausgewählt wurden, die über einen hohen Migrantenanteil verfügen und in welchen ein erhöhter Sprachförderbedarf vorliegt. Dieser erhöhte Förderbedarf beschränkt sich allerdings nicht auf Migrantenkinder wie aus verschiedenen Untersuchungen hervorgeht, sondern besteht auch bei Kindern deutscher Herkunftssprache. Obwohl verschiedene Modelle und Erfahrungsberichte im Bereich der Sprachförderung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund vorliegen, ist es ein besonderes Ziel dieses Projektes die Effizienz des durchgeführten Modells zur Sprachförderung empirisch zu überprüfen. Während sich in vielen Einrichtungen und Projekten die Sprachförderung auf spezifische Situationen und Angebote mit einzelnen Kindern oder Kleingruppen außerhalb des normalen Gruppengeschehens beschränkt, liegt der Fokus unseres Projektes darin, das sprachlich-kommunikative Anregungsniveau der Erzieherinnen im Alltag gezielt zu erhöhen. Damit soll sichergestellt werden, dass die betreuten Kinder deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache kontinuierlich, d.h. in alltäglichen Situationen einen angemessenen und anregenden sprachlichen Input erhalten.
Wir nehmen an, dass sich das sprachlich-kommunikative Anregungsniveau von Erzieherinnen durch eine systematische Intervention erhöhen lässt und dass ein verbessertes sprachliches Anregungsniveau einen positiven Effekt auf die Sprachleistungen der betreuten Kinder hat. Da dies ein empirisches Projekt ist, stützt sich die Evaluation der Effizienz unseres Modells zur Sprachförderung auf eine Pre-Post-Erhebung der Sprachkompetenz der Erzieherinnen und der Kinder deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache in intensiven Interventionsgruppen und Vergleichsgruppen mit minimaler Intervention.
Stichprobe
In Berliner Kindertagesstätten wurden 155 ein-, zwei- und dreijährige Kinder deutscher Familien und türkischer oder arabischer sowie aus ethnisch gemischten Migrantenfamilien ausgewählt. Die Kinder wurden aus Kindertagesstätten rekrutiert, in denen der Anteil von Migrantenkindern bei ca. 50 % lag und in denen in vorangegangenen Untersuchungen zum Sprachstand ein erhöhter Förderbedarf im Bereich Sprache ermittelt worden war. 88 der insgesamt 155 Zielkinder befinden sich in Gruppen, die intensive Intervention erhalten, 67 Kinder in vergleichbaren Gruppen mit Basisintervention. Die Auswahl der Erzieherinnen wurde durch Anwesenheit der Interventions- und Kontrollkinder bestimmt. Insgesamt sind 31 Erzieher am Projekt beteiligt.
Methode:
Pre – und Post- Erhebung
Die 31 Erziehern wurden in einer Anfangserhebung im Feld an zwei unterschiedlichen Tagen mittels Zeitstichproben beobachtet und ihr sprachliches Anregungsniveau sowie ihr Erziehungsstil von trainierten Beobachtern eingeschätzt.
Die sprachliche und kognitive Entwicklung der 155 Zielinder wurde in der Anfangserhebung anhand der Entwicklungstabelle (Beller, E.K./Beller, S., 2000) eingeschätzt. Bei 57 zweijährigen Kindern wurde zusätzlich ein Sprachentwicklungstest (SETK-2, Grimm, H. ) durchgeführt.
Dieselben Erhebungen werden in post, also nach Durchführung der Interventionsmaßnahmen in den Gruppen, durchgeführt.
Interventionsmaßnahmen:
Intensiv-Intervention
Die Intensiv-Intervention fand einmal wöchentlich ca. drei Stunden am Vormittag über 20 Wochen statt. Bei diesen Besuchen unserer trainierten Projektmitarbeiter in der Kindergruppe findet die Interventionstätigkeit gezielt in den Alltagssituationen Wickeln, Essen und Freispiel oder angeleitete Tätigkeit statt. Hierbei boten unsere Mitarbeiter zunächst ein Modell der Sprachanregung und des Erziehungsstils an, mit dem sich die Erzieherin auseinandersetzen sollte. Um die Intervention zu verstärken und zu vertiefen und um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Anregungsniveau anzuregen, wurden im Verlauf der 20-wöchigen Interventionsphase in regelmäßigen Abständen in den oben genannten Situationen gegenseitige Videoaufnahmen von der Interventionistin und der Erzieherin erstellt. Diese 5-10-minütigen Videosequenzen der Interventionistin und der Erzieherin werden mit der Methode des Mikro-Teaching analysiert und diskutiert. Die videografierten Szenen der Interventionistin wurden auch dazu verwendet, die Qualität der Intervention kontinuierlich sicherzustellen. Die individuell auf das Anregungsniveau der Erzieherin und auf die Situation in der Gruppe ausgerichtete Intervention führte auch zu zusätzlichen Maßnahmen zur Herstellung optimalerer pädagogischer Bedingungen in der Gestaltung des Alltags wie z.B. Änderung der Raumgestaltung, Veränderungen in der Gestaltung des Ablaufs insbesondere ‚Routinesituationen’.
Im ersten Drittel der Intervention nahmen alle Erzieherinnen der Intensiv-Interventionsgruppe an zwei eintägigen Gruppenfortbildung teil. Diese dienten dazu, Kenntnisse der Erzieherinnen über Sprachentwicklung und entwicklungsfördernde Verhaltensweisen aufzufrischen und die Inhalte der Intervention, die in der Kita auf der praktischen Ebene vermittelt werden, gemeinsam zu diskutieren und die theoretischen Grundlagen klären.
Basisintervention
Aus vergangenen longitudinalen Projekten haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein Motivationsfaktor für Kontrollgruppen eingebaut werden muss, um einen Schwund von Probanden respektive von am Projekt beteiligten Erzieherinnen zu vermeiden. Aus diesem Grund haben wir für die gegenwärtige Untersuchung ein Programm für die ‚Kontrollgruppe’ entwickelt, das wir als „Basis-Fortbildung“ bezeichnen. Dieses besteht aus 5 Besuchen, die den Inhalten der zweitägigen Gruppenfortbildung der an der Intensiv-Intervention beteiligten Erzieherinnen bezüglich der Auffrischung von Kenntnissen im Bereich der Sprachentwicklung- und förderung entsprechen. Die 5 Besuche fanden in zweiwöchentlichen Abständen statt und dauerten ca. 60- 90 Minuten. Bei den ersten beiden Treffen wurden Kenntnisse über die kindliche Sprachentwicklung aufgefrischt und vertieft und normale versus Anzeichen und Hinweise auf verzögerte bzw. gestörte Sprachentwicklungsverläufe behandelt. Im dritten Treffen wurden sprachanregende und entwicklungsfördernde Verhaltensweisen von Erzieherinnen im Kitaalltag vorgestellt und diskutiert. Das vierte Treffen behandelte das Thema Erkennen und Nutzen von Sprechanlässen im Alltag. Das fünfte Treffen war inhaltlich offen und dem Interesse der Erzieherin überlassen, ob es stattfand und wie es inhaltlich gestaltet werden sollte.
Ergebnisse
Das sprachliche Anregungsniveau und das Auftreten eines demokratischen Erziehungsstils erhöhte sich signifikant mehr bei den Erzieherinnen in der Interventionsgruppe als bei den Erzieherinnen in der Kontrollgruppe. Die Kompetenz in der deutschen Sprache und die kognitive Entwicklung der Kinder aller drei Altersgruppen aus deutschen sowie aus Migrantenfamilien wuchs signifikant mehr als bei vergleichbaren Kindern der Kontrollgrupe.
Aktuelle Projekte
Die Wirkung unseres Modells zur Sprachanregung wird seit Mai 2007 auch bei Erzieherinnen, die 4- und 5-jährige Kinder deutscher und türkischer bzw. arabischer Herkunft betreuen, erprobt. Der offizielle Projekttitel lautet Systematiche sprachliche Anregung im Kindergartenalltag zur Erhöhung der Bildungschancen 4- und 5-jähriger Kinder aus sozialschwachen und Migrantenfamilien - eine pädagogische Intervention. Gefördert wir das Projekt von der Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V., Bonn.
Seit November 2006 überprüfen wir die Langzeitwirkung des Modells bei den am oben beschriebenen Projekt beteiligten Zielkindern und Erziehern. Bislang konnten 140 der ursprünlich 155 Zielkinder 16 Monate nach der Posterhebung im Follow-up in Sprache und Kognition getestet werden. Zur Zeit werden die am obigen Projekt beteiligten Erzieherinnen in drei Situtionen des Kitaalltags, angeleitete Tätigkeit, Freispiel und Essen, videografiert, um ihr sprachliches Anregungsniveau und ihren Erziehungsstil einzuschätzen.
weitere Vorhaben
Die Entwicklung der Kinder beider Projekte soll bis in zur dritten Schulklasse durch jährliche Sprach- und kognitive Tests erhoben werden, um herauszufinden, ob langfristige Effekte des Modells bestehen und auf welcher Entwicklungsstufe (Altersgruppen 1-5 Jahre) eine systematische Anregung am effektivstens ist.
Simone Beller, Projektkoordinatorin
Stand: 05.05.2009
Download:
Erzieherqualifizierung zur Erhöhung des sprachlichen Anregungsniveaus in Kindertageseinrichtungen für Kinder
– eine Interventionsstudie
Endbericht des Projektes als PDF-Version zum Download
Anhang zum Endbericht als PDF-Version zum Download
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